Lilli Tollkien, Mit beiden Händen den Himmel stützen
Gleichzeitig schockierend und faszinierend. Unter die Haut gehender Text über die Kindheit und Jugend eines Mädchens, das als Tochter einer drogenabhängigen Mutter und eines kriminellen, immer wieder im Gefängnis einsitzenden Vaters in dessen Männer-WG aufwächst und trotz der Ungeheuerlichkeiten, mit denen sie konfrontiert ist, schließlich in ein eigenes Leben findet. (Erschienen im Aufbau Verlag im März 2026, ISBN 978-3-351-04284-4, Hardcover, 255 Seiten, € 24,70.)
Dita Zipfel, Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
Eine starke Geschichte mit ganz engem Fokus auf weibliche und männliche Rollenbilder in einem Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Setting. Zwei Paare, ein Kind und ein Kinderwunsch, ein Ferienvilla in Südfrankreich. Der Kanarienvogel auf dem Cover entkommt seinem engen Käfig zwar und fliegt – der Text zeigt jedoch, wohin. (219 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-458-64612-9, Insel Verlag)
Leon Engler, Botanik des Wahnsinns
Schon wegen des genialen Covers!! Basiert auf der historischen Vorstellung, geistige Krankheiten in ein ähnlich klares Ordnungssystem bringen zu können wie im 17. Jahrhundert die Pflanzenarten. (Carl von Linné, nicht nur Botaniker, sondern auch Mediziner, verfasste tatsächlich nicht nur seine weltberühmte Schrift Systema naturae, sondern auch eine Genera Morborum.) Unglaublich reich an Wissen, zeichnet die Erzählung den Weg eines jungen Manns nach, der versucht, der von psychischen Erkrankungen schwer vorbelasteten Familiengeschichte zu entgehen, doch schließlich, wenn auch „auf der anderen Seite“, weil als junger Psychologe, genau dort landet, wo er nie hin wollte, nämlich auf der Psychiatrie. Wenn auch immer wieder sehr feine sprachliche Wendungen und auch vereinzelt wunderbarer Sprachwitz, so doch insgesamt für mich nicht so „leichtfüßig“ wie am Umschlagtext angekündigt: Der Ton bleibt belastet, die Erzählung gegenüber den faszinierenden wissenschaftlichen Erkenntnissen im Hintergrund. Als „Roman“ geht er für mich nur teilweise durch. Trotzdem – als Sachtext – absolut lesenswert!
Clemens Setz, Das Buch zum Film
„Ich rieche immer noch deine Spaziergänge im Laub, Marie. Wär ich der März gewesen, ich hätte dich erkältet.“ „Das Buch zum Film“ gibt Einblicke ins Setz’sche Gedankenuniversum durch ausgewählte Tagebuchnotizen aus den Jahren 2000 bis 2010. Wirre, schräge, wunderbare Beobachtungen seiner selbst und der ihn umgebenden Wirklichkeit seiner Jugendjahre. (192 Seiten Hardcover, 2025 bei Jung und Jung erschienen. € 24, ISBN 978-3-99027-428-6)
