Vladimir Vertlib, Der Jude der Kaiserin

In anspruchsvoll gehobener Sprache lässt Vladimir Vertlib die ferne Zeit des späten 17. Jahrhunderts, des Wiener Kaiserhofes sowie der zu Wien gehörigen Judenstadt im Unteren Werdt ganz farbenprächtig lebendig werden. Ganz schnell gehen einem die täglichen Ängste der damaligen Bevölkerung vor Krankheit und Tod, vor Übervorteilung, Überfällen oder Gottes Zorn, und damit immer auch vor allem Fremden, ganz nah. Von all den Intrigen, der Diskrepanz zwischen Gesagtem und eigentlich Gemeinten bei Hofe ganz zu schweigen. Jedes falsche Wort konnte das eigene Todesurteil bedeuten, das der Familie oder gar das eines ganzen Volkes, wie Esther, die Hebamme aus der Judenstadt, sowie Pedro, der spanische Leibarzt der siebzehnjährigen Kaiserin Margarita Teresa, ein geheimer Converso, sehr schnell lernen. Wie beide im Dienst der jungen Kaiserin, deren einzige, doch für das gesamte Habsburgerreich allerwichtigste Aufgabe darin besteht, den ersehnten Thronfolger zu gebären, zugleich Vertrauen und Ablehnung erfahren, erzählt Vertlibs Roman mitreißend lebendig auf kurzweiligen 400 Seiten. (Im Februar 2026 im Hardcover bei Residenz erschienen, ISBN 978-3-7017-1821-4, 416 Seiten, € 28,–)

Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen

Was für eine Hymne ans Anderssein! Birnbachers Roman zeigt ein Stück des Wegs einer Mutter und ihres Sohnes, beide Querlieger und Querdenker, sie, der Zeit geschuldet, ohne Diagnose, er mit ADHS, Volksschüler, neun – beide zwar ständig im Kampf mit sich und den anderen, doch dabei auch so sichtlich „richtiger fühlend“ als diese. Wie grotesk gerät vor diesem Hintergrund das Gespräch mit der Bildungsbeauftragten, die Ozzis „Beschulbarkeit“ feststellen muss, wie verständlich das Verhalten der Mutter der Mutter – gleichfalls mit dem familiären Anderssein geschlagen –, die nach einer Krebsdiagnose ihr Körper-„Haus“ nicht einstürzen lassen will, aus dem Krankenhaus ausbüxt und damit eine wilde Suchaktion in Gang setzt. Mit großer Empathie, viel Humor und wunderbarer sprachlicher Leichtigkeit erzählt. (Im März 2026 bei Zsolnay erschienen, Hardcover, 224 Seiten, ISBN 978-3-552-07521-4, € 24,–)

Lilli Tollkien, Mit beiden Händen den Himmel stützen

Gleichzeitig schockierend und faszinierend. Unter die Haut gehender Text über die Kindheit und Jugend eines Mädchens, das als Tochter einer drogenabhängigen Mutter und eines kriminellen, immer wieder im Gefängnis einsitzenden Vaters in dessen Männer-WG aufwächst und trotz der Ungeheuerlichkeiten, mit denen sie konfrontiert ist, schließlich in ein eigenes Leben findet. (Erschienen im Aufbau Verlag im März 2026, ISBN 978-3-351-04284-4, Hardcover, 255 Seiten, € 24,70.)