Dana Vowinckel, Anton und Alma

Ja, das Buch hat streckenweise Längen, und ja, über die Sexszenen könnte man vielleicht auch einiges sagen, dennoch: unterm Strich und nach 535 Seiten, in denen man gefühlt fast in Echtzeit das Werden, Blühen, Zerbrechen, Wiederaufflammen, Zerschellen der Beziehung zwischen Anton und Alma mitverfolgt, fließen die Tränen reichlich. Die Langsamkeit des Erzählens lässt einen nah herankommen an die beiden jungen Leute im heutigen Berlin, er Jude, sie Ostdeutsche, und damit an eine Liebe, die nicht nur die Fragen nach dem Jüdischsein im heutigen Deutschland verhandelt, sondern letztlich auch die großen Fragen jeder Form der Beziehung wie des Menschseins selbst. Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. (Bei Suhrkamp erschienen als Hardcover mit 542 Seiten, ISBN 978-3-518-43297-6, € 26,80)

Norbert Gstrein, Im ersten Licht

Adrian, geboren 1901. Geschichte eines ganzes Lebens, fast eines ganzen Jahrhunderts, und Adrian, obwohl nie selbst im Krieg gewesen, sein ganzes Leben lang von den beiden Jahrhundertkriegen geprägt. Ein Roman, trotz aller scheinbaren zeitlichen Ferne, unglaublich unter die Haut gehend nah. (Bei Hanser im Frühjahr 2026 erschienen. Hardcover, 416 Seiten, ISBN 978-3-446-28297-1, € 27,80)

Sylvain Tesson, Die Säulen des Meeres. Eine Reise zu den letzten unberührten Orten der Welt

  „Vor dem Land postiert, fängt er die Dünung des Meeres ab, die Böen des Winds und das Glühen des Himmels.“ – Frei nach dem Motto: „Auf dem Gipfel der Warengesellschaft nistet kein einziger Vogel“ berichten „Die Säulen des Meeres“ einmal mehr von Sylvain Tessons unbedingter Suche nach Freiheit und Erhabenheit in einer Welt, in der alles andere bereits kartografiert, besiedelt, entweiht ist. In seiner typisch philosophisch-reflexiven Manier berichtet der Autor von dem wahnwitzigen Unternehmen, gemeinsam mit einem Freund über Jahre hinweg in Summe mehr als hundert Brandungspfeiler vor den Küsten der Erde zu besteigen. „Die Zeit ist Bedrohung, der Raum ist Rettung.“ Höchst abenteuerliche Entschleunigung mit ganz wunderbaren Denkanstößen. (Im Mai 2026 bei C. Bertelsmann erschienen, Hardcover, ISBN 978-3-570-10615-0, 208 Seiten, € 25,70)

Cornelia Travnicek, Ich erzähle von meinen Beinen

Und noch einmal das Thema Neurodivergenz. Und noch einmal eine Mutter, die ihrem Kind um nichts nachsteht, mit dem einzigen Unterschied, dass die 11-jährige Tochter ihre ADHS-Diagnose und gleichzeitige Hochbegabung nach dem Besuch bei einer Therapeutin schriftlich hat. Der Kampf der Mutter gegen die alltägliche Überforderung, die sie schließlich ins Burnout führt. Nichtsdestotrotz hinreißend treffend erzählt, zum Lachen und Weinen zugleich. (Im Frühjahr 2026 bei Picus erschienen, 448 Seiten Hardcover, ISBN 978-3-7117-2166-2, € 26,–)