Norbert Gstrein, Im ersten Licht
Adrian, geboren 1901. Geschichte eines ganzes Lebens, fast eines ganzen Jahrhunderts, und Adrian, obwohl nie selbst im Krieg gewesen, sein ganzes Leben lang von den beiden Jahrhundertkriegen geprägt. Ein Roman, trotz aller scheinbaren zeitlichen Ferne, unglaublich unter die Haut gehend nah. (Bei Hanser im Frühjahr 2026 erschienen. Hardcover, 416 Seiten, ISBN 978-3-446-28297-1, € 27,80)
Sylvain Tesson, Die Säulen des Meeres. Eine Reise zu den letzten unberührten Orten der Welt
„Vor dem Land postiert, fängt er die Dünung des Meeres ab, die Böen des Winds und das Glühen des Himmels.“ – Frei nach dem Motto: „Auf dem Gipfel der Warengesellschaft nistet kein einziger Vogel“ berichten „Die Säulen des Meeres“ einmal mehr von Sylvain Tessons unbedingter Suche nach Freiheit und Erhabenheit in einer Welt, in der alles andere bereits kartografiert, besiedelt, entweiht ist. In seiner typisch philosophisch-reflexiven Manier berichtet der Autor von dem wahnwitzigen Unternehmen, gemeinsam mit einem Freund über Jahre hinweg in Summe mehr als hundert Brandungspfeiler vor den Küsten der Erde zu besteigen. „Die Zeit ist Bedrohung, der Raum ist Rettung.“ Höchst abenteuerliche Entschleunigung mit ganz wunderbaren Denkanstößen. (Im Mai 2026 bei C. Bertelsmann erschienen, Hardcover, ISBN 978-3-570-10615-0, 208 Seiten, € 25,70)
Vladimir Vertlib, Der Jude der Kaiserin
In anspruchsvoll gehobener Sprache lässt Vladimir Vertlib die ferne Zeit des späten 17. Jahrhunderts, des Wiener Kaiserhofes sowie der zu Wien gehörigen Judenstadt im Unteren Werdt ganz farbenprächtig lebendig werden. Ganz schnell gehen einem die täglichen Ängste der damaligen Bevölkerung vor Krankheit und Tod, vor Übervorteilung, Überfällen oder Gottes Zorn, und damit immer auch vor allem Fremden, ganz nah. Von all den Intrigen, der Diskrepanz zwischen Gesagtem und eigentlich Gemeinten bei Hofe ganz zu schweigen. Jedes falsche Wort konnte das eigene Todesurteil bedeuten, das der Familie oder gar das eines ganzen Volkes, wie Esther, die Hebamme aus der Judenstadt, sowie Pedro, der spanische Leibarzt der siebzehnjährigen Kaiserin Margarita Teresa, ein geheimer Converso, sehr schnell lernen. Wie beide im Dienst der jungen Kaiserin, deren einzige, doch für das gesamte Habsburgerreich allerwichtigste Aufgabe darin besteht, den ersehnten Thronfolger zu gebären, zugleich Vertrauen und Ablehnung erfahren, erzählt Vertlibs Roman mitreißend lebendig auf kurzweiligen 400 Seiten. (Im Februar 2026 im Hardcover bei Residenz erschienen, ISBN 978-3-7017-1821-4, 416 Seiten, € 28,–)
Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen
Was für eine Hymne ans Anderssein! Birnbachers Roman zeigt ein Stück des Wegs einer Mutter und ihres Sohnes, beide Querlieger und Querdenker, sie, der Zeit geschuldet, ohne Diagnose, er mit ADHS, Volksschüler, neun – beide zwar ständig im Kampf mit sich und den anderen, doch dabei auch so sichtlich „richtiger fühlend“ als diese. Wie grotesk gerät vor diesem Hintergrund das Gespräch mit der Bildungsbeauftragten, die Ozzis „Beschulbarkeit“ feststellen muss, wie verständlich das Verhalten der Mutter der Mutter – gleichfalls mit dem familiären Anderssein geschlagen –, die nach einer Krebsdiagnose ihr Körper-„Haus“ nicht einstürzen lassen will, aus dem Krankenhaus ausbüxt und damit eine wilde Suchaktion in Gang setzt. Mit großer Empathie, viel Humor und wunderbarer sprachlicher Leichtigkeit erzählt. (Im März 2026 bei Zsolnay erschienen, Hardcover, 224 Seiten, ISBN 978-3-552-07521-4, € 24,–)
