Édouard Louis, Der Absturz

Édouard Louis’ Bücher mögen schwer verträglich sein, trotzdem sind sie lesenswert; sein jüngstes, mit dem er seinen autofiktionalen Zyklus abschließen will, ist da keine Ausnahme, vielleicht stellt es seine Vorgänger sogar in den Schatten. Diesmal hat die Prekarität die Gestalt seines älteren Bruders. (2025 bei Aufbau Verlag erschienen, 222 Seiten, gebunden, € 24,70, ISBN 978-3-351-03957-8)

Aldous Huxley, Zeit der Oligarchen

In den Industriegesellschaften haben schon immer die Ober- und Mittelschichten von den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung profitiert, was die immer größere Zentralisierung der Macht in immer weniger Händen zur Folge hat. Welche Rolle fortschrittliche Technologie dabei spielt, warum wir den Krieg nicht abschaffen, sondern weiter schüren, und ob davon auszugehen ist, dass Wissen je zum Wohle der Menschheit eingesetzt wird, analysiert Huxley in einem kurzen Essay, erstmals 1946 veröffentlicht. Dass sich achtzig Jahre später immer noch nichts wesentlich verändert hat, ist erschütternd, verstörend und erschöpfend, und gerade deswegen tut es gut, über die Hintergründe der Katastrophe und wenigstens theoretische Möglichkeiten der auf menschliche und vernünftige Ziele gerichteten Planung unterrichtet zu werden. (2025 bei Hanser erschienen, 96 Seiten, gebunden, € 14,40, ISBN 978-3-446-28723-5)

Federica Manzon, Alma

Haben wir es hier mit einer Liebesgeschichte zu tun? Oder einer Familiengeschichte? Ist es das Portrait einer Stadt? Stehen Geschichte und Politik im Zentrum? All diese Fragen lassen sich mit ja und nein beantworten. Das Wesen dieses wunderbaren Romans machen, meines Erachtens nach, die Unrast, die Zerrissenheit, der verzweifelte Drang nach Antworten auf Fragen, der stets unterdrückt oder dem immer ausgewichen wird, und ein hohes Maß an soziokultureller Kontemplation aus, das letzten Endes in einem Buch voll nervöser Ruhe, unsentimentaler Sentimentalität und Feinfühligkeit resultiert, einem Buch, das mich schlichtweg bezaubert hat; Freunde und Verwandte dürfen sich auf zeitnahe Zwangsbeglückung einstellen. (2026 bei Pfaueninsel erschienen, 320 Seiten, gebunden, € 24,70, ISBN 978-3-69131-006)

Perry Chafe, Sommer auf Perigo Island

Chafes Romandebüt ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Sommer 1991 auf einer Insel vor Neufundland spielt. Pierce ist zwölf Jahre alt und hat den Verlust seines Vaters, der vor ein paar Jahren beim Fischen tödlich verunglückt ist, noch nicht überwunden. Als Anna, die ihn als Einzige trösten kann, verschwindet, machen Pierce und seine beiden Freunde Thomas und Bennie, außerdem Bennies Cousine aus New York, sich auf die Suche nach ihr, lassen sich dabei aber zu sehr von ihrer kindlichen Phantasie leiten. Ihre voreilig gezogenen Schlüsse geben der Geschichte eine Wendung, die die Suche nach der Verschwundenen in den Hintergrund rücken und die Leserin bzw. den Leser sich mit Freundschaft, Trauer und Trost sowie der Überfischung der Meere auseinandersetzen lässt. (2026 bei Mare erschienen, 272 Seiten, gebunden, € 24,70, ISBN 978-3-86648-720-8)