Cornelia Travnicek, Ich erzähle von meinen Beinen
Und noch einmal das Thema Neurodivergenz. Und noch einmal eine Mutter, die ihrem Kind um nichts nachsteht, mit dem einzigen Unterschied, dass die 11-jährige Tochter ihre ADHS-Diagnose und gleichzeitige Hochbegabung nach dem Besuch bei einer Therapeutin schriftlich hat. Der Kampf der Mutter gegen die alltägliche Überforderung, die sie schließlich ins Burnout führt. Nichtsdestotrotz hinreißend treffend erzählt, zum Lachen und Weinen zugleich. (Im Frühjahr 2026 bei Picus erschienen, 448 Seiten Hardcover, ISBN 978-3-7117-2166-2, € 26,–)
Vladimir Vertlib, Der Jude der Kaiserin
In anspruchsvoll gehobener Sprache lässt Vladimir Vertlib die ferne Zeit des späten 17. Jahrhunderts, des Wiener Kaiserhofes sowie der zu Wien gehörigen Judenstadt im Unteren Werdt ganz farbenprächtig lebendig werden. Ganz schnell gehen einem die täglichen Ängste der damaligen Bevölkerung vor Krankheit und Tod, vor Übervorteilung, Überfällen oder Gottes Zorn, und damit immer auch vor allem Fremden, ganz nah. Von all den Intrigen, der Diskrepanz zwischen Gesagtem und eigentlich Gemeinten bei Hofe ganz zu schweigen. Jedes falsche Wort konnte das eigene Todesurteil bedeuten, das der Familie oder gar das eines ganzen Volkes, wie Esther, die Hebamme aus der Judenstadt, sowie Pedro, der spanische Leibarzt der siebzehnjährigen Kaiserin Margarita Teresa, ein geheimer Converso, sehr schnell lernen. Wie beide im Dienst der jungen Kaiserin, deren einzige, doch für das gesamte Habsburgerreich allerwichtigste Aufgabe darin besteht, den ersehnten Thronfolger zu gebären, zugleich Vertrauen und Ablehnung erfahren, erzählt Vertlibs Roman mitreißend lebendig auf kurzweiligen 400 Seiten. (Im Februar 2026 im Hardcover bei Residenz erschienen, ISBN 978-3-7017-1821-4, 416 Seiten, € 28,–)
Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen
Was für eine Hymne ans Anderssein! Birnbachers Roman zeigt ein Stück des Wegs einer Mutter und ihres Sohnes, beide Querlieger und Querdenker, sie, der Zeit geschuldet, ohne Diagnose, er mit ADHS, Volksschüler, neun – beide zwar ständig im Kampf mit sich und den anderen, doch dabei auch so sichtlich „richtiger fühlend“ als diese. Wie grotesk gerät vor diesem Hintergrund das Gespräch mit der Bildungsbeauftragten, die Ozzis „Beschulbarkeit“ feststellen muss, wie verständlich das Verhalten der Mutter der Mutter – gleichfalls mit dem familiären Anderssein geschlagen –, die nach einer Krebsdiagnose ihr Körper-„Haus“ nicht einstürzen lassen will, aus dem Krankenhaus ausbüxt und damit eine wilde Suchaktion in Gang setzt. Mit großer Empathie, viel Humor und wunderbarer sprachlicher Leichtigkeit erzählt. (Im März 2026 bei Zsolnay erschienen, Hardcover, 224 Seiten, ISBN 978-3-552-07521-4, € 24,–)
Gisèle Pelicot, Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln
Aus der Erzählung ihrer Herkunft, ihrer Jugend, ihres Lebens versucht Gisèle Pelicot sich selbst wie uns als Lesenden das Unbegreifliche, das ihr widerfahren ist, begreiflich zu machen – absolut gelungen! (Im Februar 2026 im Hardcover bei Piper erschienen, ISBN 978-3-492-07435-3, 256 Seiten, € 25,–)
