Perry Chafe, Sommer auf Perigo Island

Chafes Romandebüt ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Sommer 1991 auf einer Insel vor Neufundland spielt. Pierce ist zwölf Jahre alt und hat den Verlust seines Vaters, der vor ein paar Jahren beim Fischen tödlich verunglückt ist, noch nicht überwunden. Als Anna, die ihn als Einzige trösten kann, verschwindet, machen Pierce und seine beiden Freunde Thomas und Bennie, außerdem Bennies Cousine aus New York, sich auf die Suche nach ihr, lassen sich dabei aber zu sehr von ihrer kindlichen Phantasie leiten. Ihre voreilig gezogenen Schlüsse geben der Geschichte eine Wendung, die die Suche nach der Verschwundenen in den Hintergrund rücken und die Leserin bzw. den Leser sich mit Freundschaft, Trauer und Trost sowie der Überfischung der Meere auseinandersetzen lässt. (2026 bei Mare erschienen, 272 Seiten, gebunden, € 24,70, ISBN 978-3-86648-720-8)

M. L. Stedman, Ein weites Leben

Ich habe kein wirkliches Interesse daran, wie Schafzucht in Westaustralien vor siebzig Jahren funktioniert hat, trotzdem hat mich M. L. Stedmans zweiter Roman von der ersten Seite an mitgerissen. Ein Autounfall dezimiert die fünfköpfige Familie MacBride, hart arbeitende, umgängliche Leute, auf zweieinhalb Mitglieder; der Vater und der älteste Sohn sterben und der jüngere erholt sich nur langsam von den erlittenen körperlichen und neurologischen Schäden, während Mutter und Tochter die Kraft finden müssen, um den Betrieb am Leben zu erhalten, ohne dabei existentiellen wie psychischen Krisen zu erliegen, denn es gilt nicht nur Hitze, Kälte und den „Erdölrausch“ zu bewältigen, bei weitem nicht. Stedman lässt immer wieder die Natur sprechen, einmal melancholisch, ein andermal auf vorsichtige Weise hoffnungsvoll; mich haben beide Varianten sehr bewegt. Mag die Ausgangssituation noch so tragisch sein und zum Teil katastrophale Konsequenzen nach sich ziehen, es wäre ein Riesenfehler, die Lektüre abzubrechen, denn am Ende wird alles gut oder halt so gut wie’s geht. (2026 bei Blanvalet erschienen, 528 Seiten, gebunden, € 26,80, ISBN 978-3-7645-1005-3)

Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen

Eine Autorin soll als Gastdozentin eine Poetikvorlesung halten, stattdessen schildert sie ihre Teilnahme an der Rekonstruktion eines Vermisstenfalles im Dschungel. Die anderen Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmer sind Mitglieder einer Theatergruppe, angeführt vom „Theatermacher“ (eine Hommage an Thomas Bernhard?). Jedes Mitglied trägt zu diesem Zeitpunkt sein persönliches Grauen schon in sich, das sich allerdings erst durch die Belastungen der ungewohnten Umgebung entfaltet. Bemerkenswert ist, dass fast das ganze Buch im Konjunktiv I wiedergegeben wird. (2025 bei Hanser erschienen, 160 Seiten, gebunden, € 23,70, ISBN 978-3-446-28298-8)

Anna Maschik, Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Generationenromane, die sich vor allem mit weiblichen Vorfahren befassen, gibt es im Überfluss. Um dieses Genre aufzumischen, muss die Autorin bzw. der Autor die Leserin bzw. den Leser überraschen, gar erschrecken. Anna Maschik gelingt das mittels fragmentarischer, plastischer und avantgardistischer Erzählweise. (2025 bei Luchterhand erschienen, 240 Seiten, gebunden, € 23,70, ISBN 978-3-630-87814-0)