Marina Vujčić, Sicheres Haus
Das „Sichere Haus“ ist das Frauengefängnis in Požega, in dem Lada ihre Haftstrafe verbüßt, weil sie sich nach sieben Jahren zum ersten Mal gegen die physische und psychische Gewalt ihres Ehemanns gewehrt und ihn dabei in Notwehr erstochen hat. Von Marina Vujčić sorgfältig recherchiert – die Danksagung auf der letzten Seite gibt es nicht umsonst – und hervorragend geschrieben sowie von Mascha Dabić sublim übersetzt, ist dieses Buch eine Art J’accuse, das uns vor Augen führt, mit welcher Selbstverständlichkeit das eigentliche Opfer in den Augen der Gesellschaft zur bloßen Täterin wird. (2026 bei Residenz erschienen, gebunden, 280 Seiten, € 25, –, ISBN 978-3-7017-1820-7)
Cornelia Travnicek, Ich erzähle von meinen Beinen
Und noch einmal das Thema Neurodivergenz. Und noch einmal eine Mutter, die ihrem Kind um nichts nachsteht, mit dem einzigen Unterschied, dass die 11-jährige Tochter ihre ADHS-Diagnose und gleichzeitige Hochbegabung nach dem Besuch bei einer Therapeutin schriftlich hat. Der Kampf der Mutter gegen die alltägliche Überforderung, die sie schließlich ins Burnout führt. Nichtsdestotrotz hinreißend treffend erzählt, zum Lachen und Weinen zugleich. (Im Frühjahr 2026 bei Picus erschienen, 448 Seiten Hardcover, ISBN 978-3-7117-2166-2, € 26,–)
Nenad Veličković, Der Vater meiner Tochter
Bei Veličković weiß ich nie, ob ich lachen oder weinen soll. Das Ende des Bosnienkrieges ist für den Ich-Erzähler der Anfang einer Depression. Er gibt die ungeliebte Arbeit als Werbetexter auf, seine Ehe geht in die Brüche, das Buch, das er zu schreiben versucht, bleibt fragmentarisch. Die Höhepunkte dieses Romans sind Vater-Tochter-Dialoge und Konsumkritik, eine der wenigen Schwächen besteht in der großen Menge an Tippfehlern. (2026 bei Jung und Jung erschienen, gebunden, 224 Seiten, € 24,–, ISBN 978-3-99027-445-3)
Nelio Biedermann, Anton will bleiben
Nach der Diagnose, Krebs im Endstadium zu haben, überkommt den pensionierten, verwitweten Anton der Wunsch, vor seinem Tod noch berühmt zu werden. Dilettantische Versuche, sich als Schriftsteller, Photograph, Künstler und Philosoph zu etablieren, mögen in Slapstick-Manier scheitern, doch sein letztes Jahr bereichert Anton in vielerlei Hinsicht. Nelio Biedermanns Erstling liest sich weder als Hymne an das Leben noch an den Tod oder die Vergänglichkeit, sondern als eine in sich geschlossene Episode, geprägt von emotionaler Intelligenz, Humor und Abwechslung. (2026 bei Rowohlt im Taschenbuchformat erschienen, 224 Seiten, € 14,40, ISBN 978-3-499-01722-3)
