Cornelia Travnicek, Ich erzähle von meinen Beinen

Und noch einmal das Thema Neurodivergenz. Und noch einmal eine Mutter, die ihrem Kind um nichts nachsteht, mit dem einzigen Unterschied, dass die 11-jährige Tochter ihre ADHS-Diagnose und gleichzeitige Hochbegabung nach dem Besuch bei einer Therapeutin schriftlich hat. Der Kampf der Mutter gegen die alltägliche Überforderung, die sie schließlich ins Burnout führt. Nichtsdestotrotz hinreißend treffend erzählt, zum Lachen und Weinen zugleich. (Im Frühjahr 2026 bei Picus erschienen, 448 Seiten Hardcover, ISBN 978-3-7117-2166-2, € 26,–)

Nenad Veličković, Der Vater meiner Tochter

Bei Veličković weiß ich nie, ob ich lachen oder weinen soll. Das Ende des Bosnienkrieges ist für den Ich-Erzähler der Anfang einer Depression. Er gibt die ungeliebte Arbeit als Werbetexter auf, seine Ehe geht in die Brüche, das Buch, das er zu schreiben versucht, bleibt fragmentarisch. Die Höhepunkte dieses Romans sind Vater-Tochter-Dialoge und Konsumkritik, eine der wenigen Schwächen besteht in der großen Menge an Tippfehlern. (2026 bei Jung und Jung erschienen, gebunden, 224 Seiten, € 24,–, ISBN 978-3-99027-445-3)

Vladimir Vertlib, Der Jude der Kaiserin

In anspruchsvoll gehobener Sprache lässt Vladimir Vertlib die ferne Zeit des späten 17. Jahrhunderts, des Wiener Kaiserhofes sowie der zu Wien gehörigen Judenstadt im Unteren Werdt ganz farbenprächtig lebendig werden. Ganz schnell gehen einem die täglichen Ängste der damaligen Bevölkerung vor Krankheit und Tod, vor Übervorteilung, Überfällen oder Gottes Zorn, und damit immer auch vor allem Fremden, ganz nah. Von all den Intrigen, der Diskrepanz zwischen Gesagtem und eigentlich Gemeinten bei Hofe ganz zu schweigen. Jedes falsche Wort konnte das eigene Todesurteil bedeuten, das der Familie oder gar das eines ganzen Volkes, wie Esther, die Hebamme aus der Judenstadt, sowie Pedro, der spanische Leibarzt der siebzehnjährigen Kaiserin Margarita Teresa, ein geheimer Converso, sehr schnell lernen. Wie beide im Dienst der jungen Kaiserin, deren einzige, doch für das gesamte Habsburgerreich allerwichtigste Aufgabe darin besteht, den ersehnten Thronfolger zu gebären, zugleich Vertrauen und Ablehnung erfahren, erzählt Vertlibs Roman mitreißend lebendig auf kurzweiligen 400 Seiten. (Im Februar 2026 im Hardcover bei Residenz erschienen, ISBN 978-3-7017-1821-4, 416 Seiten, € 28,–)

Nelio Biedermann, Anton will bleiben

Nach der Diagnose, Krebs im Endstadium zu haben, überkommt den pensionierten, verwitweten Anton der Wunsch, vor seinem Tod noch berühmt zu werden. Dilettantische Versuche, sich als Schriftsteller, Photograph, Künstler und Philosoph zu etablieren, mögen in Slapstick-Manier scheitern, doch sein letztes Jahr bereichert Anton in vielerlei Hinsicht. Nelio Biedermanns Erstling liest sich weder als Hymne an das Leben noch an den Tod oder die Vergänglichkeit, sondern als eine in sich geschlossene Episode, geprägt von emotionaler Intelligenz, Humor und Abwechslung. (2026 bei Rowohlt im Taschenbuchformat erschienen, 224 Seiten, € 14,40, ISBN 978-3-499-01722-3)