Dita Zipfel, Es ist hell und draußen dreht sich die Welt

Eine starke Geschichte mit ganz engem Fokus auf weibliche und männliche Rollenbilder in einem Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Setting. Zwei Paare, ein Kind und ein Kinderwunsch, ein Ferienvilla in Südfrankreich. Der Kanarienvogel auf dem Cover entkommt seinem engen Käfig zwar und fliegt – der Text zeigt jedoch, wohin. (219 Seiten, Hardcover, ISBN  978-3-458-64612-9, Insel Verlag)

Federica Manzon, Alma

Haben wir es hier mit einer Liebesgeschichte zu tun? Oder einer Familiengeschichte? Ist es das Portrait einer Stadt? Stehen Geschichte und Politik im Zentrum? All diese Fragen lassen sich mit ja und nein beantworten. Das Wesen dieses wunderbaren Romans machen, meines Erachtens nach, die Unrast, die Zerrissenheit, der verzweifelte Drang nach Antworten auf Fragen, der stets unterdrückt oder dem immer ausgewichen wird, und ein hohes Maß an soziokultureller Kontemplation aus, das letzten Endes in einem Buch voll nervöser Ruhe, unsentimentaler Sentimentalität und Feinfühligkeit resultiert, einem Buch, das mich schlichtweg bezaubert hat; Freunde und Verwandte dürfen sich auf zeitnahe Zwangsbeglückung einstellen. (2026 bei Pfaueninsel erschienen, 320 Seiten, gebunden, € 24,70, ISBN 978-3-69131-006)

Perry Chafe, Sommer auf Perigo Island

Chafes Romandebüt ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Sommer 1991 auf einer Insel vor Neufundland spielt. Pierce ist zwölf Jahre alt und hat den Verlust seines Vaters, der vor ein paar Jahren beim Fischen tödlich verunglückt ist, noch nicht überwunden. Als Anna, die ihn als Einzige trösten kann, verschwindet, machen Pierce und seine beiden Freunde Thomas und Bennie, außerdem Bennies Cousine aus New York, sich auf die Suche nach ihr, lassen sich dabei aber zu sehr von ihrer kindlichen Phantasie leiten. Ihre voreilig gezogenen Schlüsse geben der Geschichte eine Wendung, die die Suche nach der Verschwundenen in den Hintergrund rücken und die Leserin bzw. den Leser sich mit Freundschaft, Trauer und Trost sowie der Überfischung der Meere auseinandersetzen lässt. (2026 bei Mare erschienen, 272 Seiten, gebunden, € 24,70, ISBN 978-3-86648-720-8)

M. L. Stedman, Ein weites Leben

Ich habe kein wirkliches Interesse daran, wie Schafzucht in Westaustralien vor siebzig Jahren funktioniert hat, trotzdem hat mich M. L. Stedmans zweiter Roman von der ersten Seite an mitgerissen. Ein Autounfall dezimiert die fünfköpfige Familie MacBride, hart arbeitende, umgängliche Leute, auf zweieinhalb Mitglieder; der Vater und der älteste Sohn sterben und der jüngere erholt sich nur langsam von den erlittenen körperlichen und neurologischen Schäden, während Mutter und Tochter die Kraft finden müssen, um den Betrieb am Leben zu erhalten, ohne dabei existentiellen wie psychischen Krisen zu erliegen, denn es gilt nicht nur Hitze, Kälte und den „Erdölrausch“ zu bewältigen, bei weitem nicht. Stedman lässt immer wieder die Natur sprechen, einmal melancholisch, ein andermal auf vorsichtige Weise hoffnungsvoll; mich haben beide Varianten sehr bewegt. Mag die Ausgangssituation noch so tragisch sein und zum Teil katastrophale Konsequenzen nach sich ziehen, es wäre ein Riesenfehler, die Lektüre abzubrechen, denn am Ende wird alles gut oder halt so gut wie’s geht. (2026 bei Blanvalet erschienen, 528 Seiten, gebunden, € 26,80, ISBN 978-3-7645-1005-3)